Im Januar 2016, Bettina Egli Sennhauser

Wer kennt es nicht, dieses unentschlossene Stehen vor der weissen Leinwand, das Warten auf die zündende Eingebung – die Inspiration, der Beginn jeglichen kreativen Arbeitens. Aus dem Nichts Etwas entstehen zu lassen ist eigentlich etwas Wunderbares, doch will es mit der Inspiration manchmal einfach nicht so klappen. Schon gar nicht auf Kommando oder unter Druck.

Doch Inspiration, was ist das eigentlich?

Inspiration ist nicht greifbar, oder gar steuerbar und viel schlimmer noch, sie kann so schnell wieder verfliegen, wie sie gekommen ist.  Abgeleitet aus dem Lateinischen von inspiratio  „Einhauchen“ und spiritus „Leben, Seele, Geist“  wird Inspiration als plötzliche Eingebung oder spontane Erleuchtung beschrieben. In der Poesie spricht man von der Idee als unerwarteter Hauch, der den Poeten ereilt – eine mächtige Gewalt, deren Wesen der Poet hilflos und unbewusst ausgesetzt sei. Etwas viel Drama, wie so oft in der Poesie, „hilflos“ beschreibt meinen Zustand vor der weissen Leinwand aber durchaus treffend.

Das Suchen und Finden von Inspiration ist daher ein anspruchsvolles Unterfangen. Aber kann man Inspiration überhaupt suchen? Das für mich eindrücklichste Zitat zu diesem Thema stammt von Picasso:  „Suchen ist, wenn man von alten Dingen ausgeht, und im Neuen das bereits Bekannte wiederfindet.“ Denn man kann ja nur suchen, was man bereits kennt und verheddert sich so bestenfalls im Altbekannten. Und da Inspiration ja Neues bringen soll, kann die bewusste Suche danach wohl nicht der Weg sein.

Demgegenüber steht das Finden, das Picasso so beschreibt: „Finden ist etwas völlig Neues, neu auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen, und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer. Die Ungewissheit solcher Wagnisse können nur jene auf sich nehmen, die im Ungeborgenen sich geborgen wissen, die in die Ungewissheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziel ziehen lassen und nicht menschlich beschränkt und eingeengt das Ziel bestimmen. Das Offensein für jede neue Erkenntnis, für jedes neue Erlebnis im Außen und Innen, das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens noch die Gnade des Gehaltenseins im Offenbarwerden neuer Möglichkeiten zulässt.“

Inspiration hat demnach sehr viel mit Losgelassenheit und Offenheit zu tun. Wenn, dann fliegen mir die Ideen denn auch am ehesten zu, wenn ich ohne Ziel und mit offenen Augen durch die Welt gehe. So wie 2014 in Sizilien, wo mich der Boden einer Dachterrasse statt der sensationelle Blick auf die Aeolischen Inseln inspirierte, oder etwa die verwitterten Wände in Syracuse und ein Eukalyptuswald. Und da das Smartphone ja zu unseren ständigen Begleitern gehört, spricht auch nichts dagegen, diese Momente fotografisch festzuhalten.

Für den Fall, dass man versucht, die Inspiration dann halt doch wieder mit der Suche zu starten…