Was ist Enkaustik?

Malen mit Wärme

Die Enkaustik ist eine uralte Form der reinen Wachsmalerei die bis ins 8. Jh. v. Chr. zurück reicht. Um die Pigmente zu binden wird ausschliesslich das sogenannte Enkaustikmedium verwendet, welches sich aus reinem, gebleichten Bienenwachs und Dammarharzkristallen zusammensetzt. Dadurch entsteht ein eigentliches „Wachsbild“. Zur Verarbeitung auf dem Bild wird das Medium geschmolzen und in flüssiger Form aufgetragen. Das Material erhärtet unmittelbar, je nach Temperatur des Wachses noch mit dem Pinselstrich, weshalb man zügig arbeiten muss.

Die unterschiedlichen Wachstemperaturen können bewusst zur Gestaltung eingesetzt werden. Eine völlig glatte Oberfläche zu erzielen, braucht viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Die einzelnen Farbschichten werden mit Hilfe eines Bunsenbrenners oder Heissluftföhns wieder erwärmt, um die einzelnen Farbschichten zu verbinden.

Wachs wirkt konservierend und so können auch natürliche Gegenstände wie z. B. Blätter, Muscheln, Fotografien oder Papier mit dem Wachs in die Arbeiten collagiert werden. Den gestalterischen Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.

Encaustic Cube 2018

Bettina Egli Sennhauser

Enkaustik, 2020

Mixed Media und Enkaustik

Mixed Media Künstler verwenden Wachs als gestalterisches Element in Kombination mit Acryl, Baumaterialien oder Collagen, um damit partiell Akzente zu setzen. Verwendet werden dazu verschiedene Wachsarten, oder eigens hergestellte Mischungen aus mikrokristallinen Industriewachsen, Bienenwachs und Carnaubawachs.

Dieser partielle Einsatz allein macht aber noch keine Enkaustik.

In Europa hat sich zudem eine spezielle Art der Wachsmalerei entwickelt, die sich ebenfalls Enkaustik nennt.

Mit der klassischen Technik, von der hier die Rede ist, hat sie jedoch nicht viel gemeinsam. Verwendet wird reiner Bienenwachs – ohne Zusatz von Dammarharz – und wird mit dem Maleisen erwärmt, und so malerisch gestaltet.

Mixed Media, 2016

Bettina Egli Sennhauser

Mixed Media, 2017

Ein Wachsbild

Wie stabil ist das?

Der Hauptbestandteil des Enkaustikmediums ist Bienenwachs, der mit 62 – 65°C einen relativ tiefen Schmelzpunkt aufweist. Würde man ein reines Bienenwachsbild im Sommer hinter einer Scheibe der prallen Sonne aussetzen, könnte sich der Wachs durchaus in Bewegung setzen.

Durch die Beimischung der Dammarharzkristalle erhöht sich der Schmelzpunkt des Mediums auf rund 80°C, und ist damit ähnlich stabil wie bspw. der mikrokristalline Industriewachs Cosmoloid 80H.

Wer sich ein Kunstwerk aus Öl oder Acryl anschafft, wird es in der Regel nicht in die pralle Sonne hängen. Im Zusammenhang mit solchen Bildern scheint klar, dass zu deren Schutz der Standort sorgfältig gewählt werden sollte. Stellt man die gleichen Überlegungen bei der Hängung von Enkaustikwerken an, kann daher nichts passieren.

Oder, wie der US Künstler Tom Sime es gegenüber einem Sammler ausdrückt haben soll: „Wachs schmilzt bei 150°F. Wenn meine Bilder in Ihrem Haus schmelzen, dann haben Sie ein grösseres Problem. Ihr Haus brennt.“ (aus Joanne Mattera, The Art of Encaustic Painting, S. 137).

Bienenwachs & Dammarharz

Enkaustik Collage, 2021

Ein wenig Geschichte

Eine 3000 Jahre alte Technik

Die Enkaustik reicht weit bis in die griechisch-römische Antike zurück und hat eine deutlich längere Tradition als die Ölmalerei. Homer berichtet von bemalten Schiffen im 8. Jahrhundert v. Chr. Mischungen von Bienenwachs und Harz wurden zum Versiegeln der Schiffsrümpfe im Schiffsbau verwendet. Mit Pigmenten versetzt, begann man zusehends damit die Schiffe auch zu bemalen.

400 Jahre später wurde die Enkaustik für die Gestaltung von Tonobjekten,  Marmorstatuen und Ikonenmalerei eingesetzt. Bei dieser Maltechnik, werden die Farbpigmente in Wachs gebunden und heiss aufgetragen.

Enkaustik leitet sich entsprechend auch dem griechischen „enkausis“ (einbrennen) ab. Die Enkaustik war vor dem Zeitalter von Bunsenbrennern und Heissluftföhnen eine sehr aufwändige Technik, und wurde in der Spätantike von andere Maltechniken (Tempera) abgelöst.

Den erneuten Durchbruch schaffte die Technik wieder, als das Schmelzen des Wachses mit elektrischen Geräten möglich wurde, was die Anwendung massiv vereinfacht.

In den letzten Jahrzehnten hat die Popularität der Enkaustikmalerei vor allem in den Vereinigten Staaten wieder stark zugenommen. Die vielfältigen Möglichkeiten dieser Technik setzen dem kreativen Schaffen kaum Grenzen. Wichtige international bedeutende Vertreter der Enkaustik sind Jasper Johns, Jackson Pollock oder Rifka Angel.

Jasper Johns, „Zero to nine / 0 to 9“, 1958/59